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Veröffentlicht
13.05.2026
Lesedauer
5 Minuten
 
 

„Wir sind Zahnärzte, keine Manager“

Ein Interview zur Praxisführung

Ein Gespräch mit der Zahnärztin Dr. Stefanie Stratmann über die Leidenschaft Praxis, welche Rolle unternehmerisches Denken bei Niedergelassenen spielen sollte und wie man als Fachfremde zu BWL-Wissen kommt.

Praxisorganisation und -steuerung
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Wie läuft's denn so in der Praxis?

Stratmann: Dadurch, dass es unsere Praxis schon seit über 50 Jahren gibt, haben wir Generationen von Patienten. Unsere Türe ist im Grunde für alle offen. Wir haben irrsinnig viel zu tun. Im Grunde genommen zu viel. Aber es kommt am Ende zu wenig rum. Zahnärztlich waren wir schon immer auf der Höhe der Zeit. Aber wir haben uns über betriebswirtschaftliche Fragen nicht so viele Gedanken gemacht. 

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Was sind aktuell ihre größten Herausforderungen?

Stratmann: Die Kosten laufen uns zurzeit davon, wie vielen anderen Praxen vermutlich auch. Hygienemaßnahmen, QM, Arbeitsschutz, Telematikinfrastruktur, Datensicherung und -speicherung usw. Dafür muss ständig kostenintensive Hardware und Software eingekauft werden, damit die Praxis überhaupt betrieben werden kann. Das ganze Drumherum erfordert mittlerweile so viel arbeitsteilig organisiertes Spezialistenwissen, welches wir selbst kaum erbringen können und deshalb in Form von spezialisierten Angestellten „einkaufen“ müssen. Hinzu kommen der Fachkräftemangel und die zunehmende Anzahl an Teilzeitkräften. Es muss auch immer jongliert werden, wenn bei uns jemand ausfällt. 

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Das hört sich nach fachfremden Themen an. Was wissen Sie als Zahnärztin denn über Betriebswirtschaft?

Stratmann: Ich glaube, die Mehrheit der Zahnärzte hat hier nicht nur Nachholbedarf, sondern schlichtweg keine Ahnung. Der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich in der Praxis auch betriebswirtschaftlich denken muss, kam relativ spät. Wir haben immer nur behandelt und die Patienten kamen rein, wir haben etwas administriert und fertig. Wir wollen ja Zahnärzte sein und keine Manager. Das war im Prinzip immer unsere Devise und ich weiß auch gar nicht, ob beides geht, ob dann wirklich noch die Behandlungen und der Patient im Vordergrund steht. Uns fehlte bis vor kurzem auch der konkrete Griffpunkt, eine Fortbildung o.ä. die wirklich auf die unternehmerischen Anforderungen von zahnärztlichen Praxisinhabenden zugeschnitten ist und kein Vorwissen verlangt.

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Schließt Zahnheilkunde denn Wirtschaftskunde ganz aus?

Stratmann: Wir bringen viel Idealismus mit. Der Patient steht für uns an erster Stelle. Wir sagen ehrlich, was er braucht und beraten. Wir schwatzen nichts auf. Das ist Zahnheilkunde. Ist das wirtschaftlich? Nein. Aber es geht ja auch nicht darum, sich für eine Seite zu entscheiden. Wichtig ist es, die Balance zu finden. Schließlich ist die Praxis ja auch unsere Existenzgrundlage. Und wenn wir entspannt behandeln können, nutzt das allen.

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Was haben Sie unternehmerisch versäumt?

Stratmann: Also ich glaube, dass jeder Zahnarzt und jede Zahnärztin unternehmerische Fehler macht. Ich selbst habe vieles über Jahre schleifen lassen. Mir hat einfach an der ein oder anderen Stelle der Ansatzpunkt gefehlt, etwas zu entwickeln. Ich finde es immer noch schwierig, wirtschaftliche Ziele für die Praxis zu setzen. Die Punkte strategische Planung und Führung sind essenziell, also beispielsweise die Entwicklung von Praxiskonzepten. Auch Controlling bzw. betriebswirtschaftliche Auswertungen zu haben und daraus wirklich praktische Ansätze als Entscheidungshilfe abzuleiten wäre sinnvoll. Da ist bei uns noch Luft nach oben.

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Woher nehmen Sie ihr Wissen zu unternehmerischen Themen?

Stratmann: Nun, wir müssen uns mit diesen Themen beschäftigen. Die Stellen, von denen man brauchbare Informationen bekommt, ohne sich tief einarbeiten zu müssen oder horrend viel zu bezahlen sind rar gesät. Für ein Grundverständnis ist z.B. die BWL-Vorlesungsreihe von Prof. Dr. Bischoff ideal. Weil es mal so ein ganz niederschwelliger Zugang zu gesicherten Informationen ist, die ich als Zahnärztin sonst gar nicht bekomme, ohne dass mir jemand sofort etwas verkaufen will. Ich will auch keine seitenlangen wirtschaftlichen Auswertungen lesen, die ich sowieso nicht verstehe, sondern Fakten anhand von Fällen dargestellt bekommen, die ich kenne. Konkrete Handlungsempfehlungen wie man Dinge heutzutage angeht und worüber es sich lohnt, einmal nachzudenken.    

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Wann hatten Sie Ihr Aha-Erlebnis in Sachen betriebswirtschaftliche Praxisführung?

Stratmann: Nach den ersten Vorlesungen von „BWL trifft Zahnmedizin“ zu den Themen Herausforderungen und Marktveränderungen von Zahnarztpraxen. Da bekommt der gemeine Zahnarzt erst mit, was so um ihn herum passiert. Da habe ich angefangen, mir mal Gedanken zu machen: Wo will ich hin? Welche Patienten will ich haben? Was machen die anderen? 

Der einfache Zugang zu Wissen ist ein ganz wichtiger Punkt warum diese Fortbildungsreihe für Zahnärzte und Zahnärztinnen besonders interessant ist. Speziell die Jungen, die gerade gründen oder vor ein paar Jahren gegründet haben und mittendrin sind, müssen sich ja noch mehr Gedanken um die Zukunft ihrer Praxis machen. Ein BWL-Crashkurs, wo man unter seinesgleichen ist, passt da absolut.

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Hätten Sie sich mehr BWL im Studium gewünscht?

Stratmann: BWL wäre wichtig gewesen, hätte mich persönlich aber völlig überfordert. Ich hatte so viel damit zu tun, erstmal Zahnmedizin zu lernen.

Das Versäumnis schlägt aber später zu. Man wird ja quasi überfallen, wenn man sich niederlässt. Mit den wirtschaftlichen Themen kommen auch die Unternehmen, Berater, Versicherer, die dir erklären, was wichtig ist und die einem was verkaufen wollen. Wenn man dann feststellt, dass man eigentlich keine Ahnung von betriebswirtschaftlicher Führung hat – ja, doch, es hätte schon was gebracht, zumindest mit Grundkenntnissen zu starten.

Während des Studiums wäre so ein BWL-Block zu viel gewesen. Aber vielleicht im Rahmen eines postgraduierten Studiums im Rahmen der Assistenzzeit realistisch.

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Jetzt haben Sie in die BWL reingeschnuppert. Wie geht es jetzt weiter?

Stratmann: Wenn wir uns mehr mit diesen Themen beschäftigen würden, könnten wir effizienter arbeiten und mit Sicherheit mehr Zeit für den einzelnen Patienten herausholen und geregeltere Arbeitszeiten fürs Teams schaffen. Ich will einfach die Praxis wirtschaftlich stabil halten und nachhaltig erfolgreich führen. Ich möchte ja mir und dem Team ein gutes Auskommen sichern und noch einige Mitarbeitende gut in die Rente bringen.

Das Team Bischoff bedankt sich ganz herzlich für das sehr unterhaltsame und informative Gespräch!

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DIE FAMILIENPRAXIS

Die Zahnarztpraxis der Familie Stratmann blickt auf eine lange Tradition zurück: 1975 gründete Dr. Dierk Stratmann die Praxis in Kerpen – seither sind mehr als 50 Jahre vergangen. Im Jahr 2009 stieg seine Tochter Dr. Stefanie Stratmann selbst in den Familienbetrieb ein und führt seither die Praxis gemeinsam mit ihm weiter. Von 1982 bis 2023 war zudem ihre Tante (Brigitte Everts) Teil des Teams. Alle Beteiligten waren stets gleichberechtigt eingebunden, mit einer fairen Regelung der Verantwortlichkeiten und Entscheidungen, etwa zu Neuanschaffungen oder organisatorischen Fragen. 

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